Einleitung: Warum die Wahl des Filaments entscheidend ist
Wer einen 3D-Drucker besitzt, steht früher oder später vor der Frage: Welches Filament brauche ich eigentlich für meinen Druck? Die Auswahl an Materialien ist riesig geworden – und das ist gut so, denn jedes Filament hat seine ganz eigenen Stärken und Schwächen.
Ob du ein dekoratives Modell drucken, ein funktionales Bauteil für den Maschinenbau herstellen oder eine flexible Handy-Hülle erstellen möchtest: Das richtige Material macht den entscheidenden Unterschied zwischen einem gelungenen Druck und einem nutzlosen Kunststoffklumpen. In diesem Artikel stellen wir dir die 8 wichtigsten Filamenttypen vor, erklären ihre Eigenschaften mit konkreten Zahlen und zeigen dir, wann du welches Material einsetzen solltest.
Alle Filamente im Vergleich: Übersichtstabelle
Die folgende Tabelle gibt dir einen schnellen Überblick über die gängigsten Materialien, ihre Druckparameter und typischen Anwendungsgebiete. Drucktemperaturen und Wärmebeständigkeiten sind Richtwerte – die genauen Werte hängen vom jeweiligen Hersteller ab.
Filament | Drucktemp. | Heizbett | Wärme bis | Flexibel | Schwierigkeit | Typische Anwendung |
PLA | 190–220 °C | opt. ~60 °C | 50–60 °C | Nein | ★☆☆ Einfach | Deko, Modelle, Prototypen |
PLA+ | 200–230 °C | 60–70 °C | ~65 °C | Nein | ★☆☆ Einfach | Allrounder, robustere Teile |
PETG | 220–250 °C | 70–80 °C | 65–80 °C | Leicht | ★★☆ Mittel | Gehäuse, Behälter, Werkzeuge |
ABS | 230–260 °C | 90–110 °C | ~100 °C | Nein | ★★★ Schwer | Technik, Elektro, Fahrzeuge |
ASA | 240–260 °C | 90–100 °C | ~95 °C | Nein | ★★★ Schwer | Außenbereich, UV-Exposition |
TPU | 210–230 °C | 40–60 °C | ~80 °C | Ja | ★★☆ Mittel | Hüllen, Dichtungen, Räder |
PA/Nylon | 240–270 °C | 70–90 °C | 120–150 °C | Leicht | ★★★ Schwer | Zahnräder, Lager, Maschinenteile |
PC | 260–300 °C | 110–120 °C | ~120 °C | Nein | ★★★ Profi | Hochleistung, Schutzteile |
PLA: Wann ist PLA das richtige Filament?
PLA (Polylactid) ist das mit Abstand beliebteste Filament unter Hobbyisten und Einsteigern. Es ist einfach zu verarbeiten, haftet gut auf dem Druckbett und verursacht kaum Warping – das lästige Verziehen des Drucks beim Abkühlen. Für alle, die noch keine Erfahrung mit 3D-Druck haben, ist PLA der ideale Einstieg.
Eigenschaften
Drucktemperatur: 190–220 °C; beheiztes Bett ist nicht zwingend nötig (optional ~60 °C)
Aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt (Maisstärke, Zuckerrohr), aber: Abbau nur unter industriellen Kompostbedingungen (~60 °C + spezielle Mikroorganismen) – nicht im Heimkompost oder in der Natur
Sehr gute Oberflächenqualität und präzise Detailwiedergabe
Geringe Wärmebeständigkeit: verformt sich unter Last bereits ab ca. 50–60 °C (HDT)
Begrenzte Chemikalien- und UV-Beständigkeit
PLA ist ideal für
Dekorationsobjekte, Figuren und Kunstwerke
Architekturmodelle und Anschauungsprototypen
Lernprojekte und erste Drucke
Objekte ohne mechanische Belastung und ohne Wärme- oder UV-Exposition
Tipp: PLA+ ist eine verbesserte Variante mit etwas höherer Schlagfestigkeit und Temperaturbeständigkeit (~65 °C HDT) – ein guter nächster Schritt nach dem Einstieg mit Standard-PLA.
PETG: Wofür wird PETG verwendet?
PETG (Polyethylenterephthalat Glykol) wird oft als "das beste aus zwei Welten" bezeichnet: Es kombiniert die einfache Verarbeitung von PLA mit der Robustheit und Hitzebeständigkeit von ABS. PETG ist das bevorzugte Material für alle, die robustere Drucke brauchen, aber noch keine Erfahrung mit schwierigen Materialien wie ABS haben.
Eigenschaften
Drucktemperatur: 220–250 °C, beheiztes Bett bei 70–80 °C empfohlen
Hohe Schlagfestigkeit und Zähigkeit
Wärmebeständigkeit (HDT): 65–75 °C unter Last; erst ab ca. 80–85 °C (Glasübergangstemperatur) wird das Material weich
Lebensmittelecht nur bedingt: Zwar kann das Rohmaterial zertifiziert lebensmittelecht sein, jedoch sind FDM-Drucke durch mikroskopische Schichtritzen bakterienanfällig. Nur mit lebensmittelechter Versiegelung und Edelstahlnozzle ist ein FDM-Druck wirklich hygienisch sicher.
Chemikalienbeständig und feuchtigkeitsbeständig
Leicht flexibel – bricht nicht so spröde wie PLA
PETG ist ideal für
Elektronikgehäuse und mechanische Halterungen
Behälter und Flaschen (ohne direkte Lebensmittelberührung)
Mechanische Teile mit moderater Belastung
Außeneinsatz bei moderater UV-Exposition (besser als PLA, schlechter als ASA)
ABS: Für welche Teile brauche ich ABS?
ABS (Acrylnitril-Butadien-Styrol) ist eines der ältesten 3D-Druckmaterialien und nach wie vor die erste Wahl, wenn es auf Hitzebeständigkeit bis 100 °C und mechanische Festigkeit ankommt. Es ist jedoch deutlich anspruchsvoller zu verarbeiten als PLA oder PETG.
Eigenschaften
Drucktemperatur: 230–260 °C, Heizbett 90–110 °C – beides zwingend erforderlich
Wärmebeständig bis ca. 100 °C
Starke Tendenz zum Warping – geschlossenes Druckergehäuse zwingend empfohlen
Gesundheitshinweis: ABS emittiert beim Druck Styrol, das von der IARC als mögliches Karzinogen (Gruppe 2A) eingestuft ist. HEPA-Filter allein reichen nicht – Aktivkohlefilter oder direkte Außenabsaugung sind erforderlich.
Acetonglättbar: Mit Aceton lässt sich die Oberfläche auf Hochglanz bringen und Teile lassen sich verkleben
Sehr gute mechanische Festigkeit und Schlagzähigkeit
ABS ist ideal für
Automobil- und Elektronikindustrie (z. B. Gehäuseteile)
Funktionale Bauteile unter Wärmeeinwirkung (z. B. in Fahrzeuginnenräumen)
Professionelle Prototypen mit hoher Formtreue
Achtung: ABS ist nichts für Einsteiger ohne geschlossenen Drucker und Absauganlage. Das emittierte Styrol gilt als mögliches Karzinogen – ein einfacher HEPA-Filter genügt nicht. Aktivkohlefilter oder direkte Absaugung nach außen sind Pflicht!
ASA: Welches Filament eignet sich für den Außenbereich?
ASA (Acrylnitril-Styrol-Acrylat) ist das Material der Wahl für alle Drucke, die dauerhaft draußen eingesetzt werden. Im Vergleich zu ABS ersetzt ein Acrylat-Gummi-Anteil das UV-empfindliche Butadien – das macht ASA deutlich witterungs- und UV-beständiger.
Eigenschaften
Drucktemperatur: 240–260 °C, beheiztes Bett bei 90–100 °C
Exzellente UV-Beständigkeit – vergilbt oder verblasst selbst nach jahrelangem Außeneinsatz kaum
Wärmebeständig bis ca. 95 °C
Wetter- und feuchtigkeitsbeständig
Ähnliche Druckanforderungen wie ABS: Warping-Tendenz, geschlossener Bauraum empfohlen, Dämpfe (Aktivkohlefilter nutzen)
ASA ist ideal für
Schilder, Gehäuse und Halterungen im Außenbereich
Gartenzubehör, Kamerahalterungen, Antennenhalter und Wetterstationen
Kfz-Anbauteile im Außenbereich
Überall, wo Sonnenstrahlung und Regen eine dauerhaft belastende Rolle spielen
TPU: Für was brauche ich flexibles Filament?
TPU (Thermoplastisches Polyurethan) ist das gummiartige Material unter den Filamenten. Es kann gebogen, gedehnt und gestaucht werden, ohne zu brechen – eine Eigenschaft, die kein anderes Standardfilament bietet. TPU ist überall dort die richtige Wahl, wo Flexibilität, Stoßdämpfung oder Abdichtung gefragt sind.
Eigenschaften
Drucktemperatur: 210–230 °C, Heizbett 40–60 °C
Sehr hohe Flexibilität und Elastizität (Shore-Härte typisch: 87A–98A)
Hervorragende Abriebfestigkeit
Beständig gegen Öle, Fette und viele Chemikalien
Druckt am besten langsam (20–30 mm/s) – Direktextruder dringend empfohlen, Bowden-Setup fehleranfällig
TPU ist ideal für
Handyhüllen und Schutzkappen
Dichtungen, O-Ringe und Stoßdämpfer
Räder für Roboter und RC-Fahrzeuge
Griffe, Griffüberzüge und ergonomische Hilfsmittel
PA / Nylon: Wann ist Nylon das richtige Filament?
PA (Polyamid), besser bekannt als Nylon, ist das Material der Wahl für mechanisch hochbeanspruchte Teile. Es bietet überragende Abriebfestigkeit, Zähigkeit und – je nach Typ – Wärmebeständigkeit weit über 100 °C. Allerdings stellt Nylon auch die höchsten Anforderungen an Drucker und Lagerung.
Eigenschaften
Drucktemperatur: 240–270 °C (PA6 eher 250–270 °C, PA12 eher 230–250 °C)
Wärmebeständigkeit: PA6 bis ca. 120 °C Dauergebrauchstemperatur, PA12 bis ca. 150 °C
Sehr hohe Zug- und Schlagfestigkeit sowie exzellente Abriebfestigkeit
Stark hygroskopisch: Nimmt binnen Stunden Feuchtigkeit aus der Luft auf, was zu Druckfehlern (Bläschen, Stringing, schlechte Schichthaftung) führt. Trocknen bei 70–80 °C für mind. 8 h vor dem Druck ist Pflicht.
Starke Warp-Tendenz, geschlossener Drucker und beheizter Bauraum (40–60 °C) sehr empfehlenswert
PA/Nylon ist ideal für
Zahnräder, Lager und Scharniere
Werkzeuge und funktionale Maschinenteile
Sportausrüstung und technische Outdoorbauteile
Anspruchsvolle technische Prototypen, die mechanischer Belastung standhalten müssen
Polycarbonat (PC): Wann brauche ich PC-Filament?
Polycarbonat ist das wärmebeständigste und schlagzähste FDM-Filament, das für Heim-3D-Drucker noch praktikabel ist. Es erfordert sehr hohe Temperaturen und einen leistungsfähigen Drucker mit All-Metal-Hotend.
Eigenschaften
Drucktemperatur: 260–300 °C – ein All-Metal-Hotend ist zwingend erforderlich
Wärmebeständig bis ca. 120 °C – die höchste Wärmeformbeständigkeit unter gängigen FDM-Materialien
Ausgezeichnete optische Transparenz (klares PC)
Extrem hohe Schlagfestigkeit
Stark hygroskopisch – trockenes Lagern und Vortrocknen vor dem Druck nötig
PC ist ideal für
Industrielle Schutzbauteile und Hochtemperaturanwendungen
Transparente Gehäuse und Linsen
Maschinenbau- und Luftfahrtprototypen
Welches Filament nehmen? Schnelle Entscheidungshilfe
Beantworte dir einfach diese Fragen, um das richtige Filament zu finden:
Ich bin Einsteiger und möchte einfach loslegen → PLA
Ich brauche etwas Robusteres, aber immer noch einfach zu drucken → PETG
Das Teil muss Wärme aushalten (z. B. im Fahrzeuginnenraum, nahe Motoren) → ABS
Das Teil kommt dauerhaft nach draußen, UV-Strahlung und Regen sind ein Thema → ASA
Das Teil muss flexibel oder gummiartig sein → TPU
Ich brauche maximale mechanische Festigkeit (Zahnräder, Lager, Maschinenteile) → PA/Nylon
Extremste Hitzebeständigkeit und Härte erforderlich → Polycarbonat (PC)
Häufige Fragen zu 3D-Druck-Filamenten (FAQ)
Die folgenden Fragen werden häufig von 3D-Druck-Einsteigern und fortgeschrittenen Makern gestellt.
Was ist der Unterschied zwischen PLA und PETG?
PLA ist einfacher zu drucken, günstiger und für Deko-Objekte ideal, verformt sich aber schon ab ~50–60 °C. PETG ist robuster, schlagfester und hitzebeständiger (HDT 65–75 °C), erfordert aber ein Heizbett und etwas mehr Druckerfahrung.
Welches Filament ist am stabilsten?
Für maximale Festigkeit und Abriebbeständigkeit im FDM-Druck ist Nylon (PA) die beste Wahl. PA6 hält dauerhaft bis ca. 120 °C, PA12 bis zu 150 °C. Für extreme Schlagzähigkeit kombiniert mit Hitzebeständigkeit ist Polycarbonat (PC) die stärkste Option.
Ist PLA biologisch abbaubar?
PLA wird aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt und kann biologisch abgebaut werden – allerdings nur unter industriellen Kompostbedingungen (ca. 60 °C, hohe Luftfeuchtigkeit, spezielle Mikroorganismen). Im Heimkompost oder in der Natur zersetzt sich PLA kaum.
Welches Filament für den Außenbereich?
ASA ist die beste Wahl für den Dauereinsatz im Freien: Es ist UV-beständig, wetterfest und hält bis ca. 95 °C. PETG ist ebenfalls geeignet, aber UV-empfindlicher. PLA sollte draußen vermieden werden, da es schnell verblasst und sich verformt.
Ist PETG lebensmittelecht?
Das Rohmaterial PETG kann lebensmittelecht zertifiziert sein. Jedoch sind FDM-Drucke aufgrund mikroskopischer Schichtritzen bakterienanfällig und deshalb für direkten Lebensmittelkontakt nicht geeignet – außer mit lebensmittelechter Versiegelung und Edelstahlnozzle.
Was brauche ich für flexibles Filament?
Für TPU-Druck ist ein Direktextruder dringend empfohlen, da flexible Filamente in Bowden-Setups leicht knicken und verstopfen. Die Druckgeschwindigkeit sollte auf 20–30 mm/s reduziert werden. Drucktemperatur liegt typisch bei 210–230 °C.
Warum warpt ABS so stark?
ABS hat einen hohen thermischen Ausdehnungskoeffizienten. Beim Abkühlen zieht sich das Material stark zusammen, was Spannungen im Druck erzeugt. Ein geschlossenes Druckergehäuse und ein Heizbett (90–110 °C) sind deshalb bei ABS Pflicht, um Warping zu minimieren.
Welches Filament für Zahnräder?
Für Zahnräder empfiehlt sich PA/Nylon: Es bietet hohe Abriebfestigkeit, Zähigkeit und gute Gleiteigenschaften. Alternativ eignet sich POM (Delrin), wenn der Drucker die nötigen Temperaturen erreicht. PETG ist für leicht belastete Zahnräder eine einfachere Alternative.
Fazit: Das richtige Filament für jeden Anwendungsfall
Die Wahl des richtigen Filaments ist eine der wichtigsten Entscheidungen beim 3D-Druck. Für die meisten Anwendungen im Hobby- und Heimbereich reichen PLA, PETG und TPU vollkommen aus. Wer in die technische Fertigung einsteigt oder Teile für anspruchsvollere Umgebungen druckt, sollte sich mit ABS, ASA oder Nylon vertraut machen.
Kurzgefasst: PLA für den Einstieg, PETG als Allrounder, ASA für draußen, TPU für Flexibilität, Nylon für maximale Festigkeit – und PC, wenn alle anderen an ihre Grenzen stoßen.
Viel Erfolg bei deinem nächsten Druck!
Quellen & weiterführende Ressourcen
Technische Daten und Materialwissenschaft:
ScienceDirect: Improving HDT of PLA (doi: 10.1016/j.polymer.2021.123612) · Frontiers in Microbiology: Bacterial Biofilm on 3D Prints (2021) · IARC Monographs: Styrene Group 2A Classification
Praxis & Community:
rewex.de/materialien · 3d-druck-guide.de · help.prusa3d.com · matterhackers.com · cnckitchen.com
